Die AfD bei mir daheim
Die Partei ist nur im strukturschwachen Osten stark? Von wegen. Das Heimatdorf unserer Autorin liegt in Westdeutschland – und auch dort entwickelt die AfD Sogwirkung. Eine Spurensuche.
31.01.26, Republik
Wenn ein Damm bricht, passiert das nicht plötzlich. Der Bruch kommt leise, als schleichendes Versagen. Er entsteht durch feine Risse, die das Fundament erodieren. Ohne dass jemand sie bemerkt hätte. Ohne dass jemand hinschaut.
Ich sitze im Wohnzimmer meiner Tante. Sie feiert ihren 82. Geburtstag – am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, für den sich in meinem Heimatdorf Ernst im Westen Deutschlands niemand interessiert. Neben meiner Tante sitzt ihr Mann, mein Lieblingsonkel. Wie ein stiller König thront er in seinem Sessel, die Beine hochgelegt. Meine Tante pflegt ihn. Ihr Sohn – mein Cousin – ist mit seiner Frau und den beiden Söhnen angereist, meine Cousine mit ihrem Partner rüberspaziert, sie leben nur einen Steinwurf entfernt. Ein Freund der Familie, den ich seit Kindertagen kenne, hat spontan an der Haustüre geklingelt. Als Letzter gesellt sich der Bruder meiner Tante zur Runde dazu. Auf dem Wohnzimmertisch dampft Filterkaffee, dazu gibt es Kuchen.
Wir sprechen über das Leben im Ort, über Politik. Die AfD hat in Umfragen erstmals die CDU knapp überholt, und das pünktlich zum 35. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung.
«Die Leute wählen aus Angst die AfD», sagt der Freund der Familie.
«Wenn ich mir angucke, wie die alle den Trump gewählt haben in den USA, denke ich: Manchmal ist das Volk so dumm», sagt meine Tante, eine wache und freundliche Person.
«Man muss über die Emotion gehen. Die Leute haben doch das Gefühl, die Politiker regieren an den Problemen vorbei», sagt der Freund der Familie.
«Ich weiss sowieso nicht mehr, wer rechte und wer linke Politik macht», sagt meine Tante und wirkt ehrlich hilflos.
«Es muss einfach mal wieder gute Politik gemacht werden», sagt mein Cousin.
Meine Tante fragt: «Will niemand Kuchen?»
An dieser Stelle muss ich kurz zurückspulen. Ich sitze im Oktober 2025 in meinem Heimatdorf in Rheinland-Pfalz und diskutiere mit meiner Familie über die AfD, weil mir Monate zuvor etwas aufgefallen war. Ich habe es noch genau vor Augen: Wie ich am Abend der Bundestagswahl im Februar den Liveticker der Tagesschau verfolgte, auf Diagramme und Prozentwerte starrte und sich auf der Deutschlandkarte der ganze Osten blau färbte. Die AfD war in den ostdeutschen Bundesländern mit seinen rund zwölf Millionen Bürgerinnen und Bürgern nicht nur erschreckend erfolgreich geworden. Sondern Wahlsiegerin.
Allerspätestens an diesem Punkt setzte sich in der Öffentlichkeit ein Bild fest, genauso wie in meinem Kopf: Wenn es um den Erfolg der AfD geht, ist «der Osten» Schuld.
Gründe dafür gibt es schliesslich genug. Das hatte ich doch gelernt durch Experten wie Steffen Mau, zig Reportagen und zahlreiche Talkshow-Sendungen, die stets alle wie mit einem Fernglas in den Osten geblickt und ihn durchanalysiert hatten: Strukturwandel. Sterbende Dörfer. Ein starkes Misstrauen der Menschen Institutionen wie Politikerinnen gegenüber. Eine fehlende Parteibindung. Die Kränkung durch die Wendepolitik der Kohl-Regierung. Weniger Geld als im Westen. Der Männerüberschuss. Die Baseballschlägerjahre.
Wie hatte die AfD in meiner Heimat abgeschnitten? Aus reiner Neugierde suchte ich an jenem Abend nach den Ergebnissen in meinem Wahlkreis Mosel/Rhein-Hunsrück in Rheinland-Pfalz. Das Bundesland liegt im Südwesten Deutschlands, es grenzt an Belgien und Luxemburg. Während ich Hunderte Kilometer entfernt in meinem Berliner Wohnzimmer vor dem Laptop sass, klickte ich erst auf die Deutschlandkarte, zoomte meinen Wahlkreis heran, klickte auf das Balkendiagramm – und erschrak. In besagtem Wahlkreis, zu dem mein Heimatdorf zählt, hatte die AfD rund 20 Prozent der Zweitstimmen geholt. Damit war sie die zweitstärkste Partei geworden.
Ich war fassungslos.
Wie konnte das sein? Was war mir entgangen?
Mir fiel ein: Die rheinland-pfälzische Stadt Kaiserslautern, rund 150 Kilometer von meinem Dorf entfernt, gilt als AfD-Hochburg. Aber diesen Umstand hatte ich als Sonderfall abgespeichert. Als eine Art Ausrutscher. In meiner Heimat an der Mosel gibt es schliesslich keine sterbenden Dörfer wie im Osten. Keinen Männerüberschuss. Keine Kränkung durch die Wende. Dafür ein Stadtbild, das Friedrich Merz vermutlich als sehr deutsch betiteln würde. Junge Familien. Es gibt genug Arbeit. Man wählt seit jeher CDU. Und hat im Wahlkreis sogar hundert Euro mehr jährliches Nettoeinkommen als im bundesdeutschen Durchschnitt.
Wieso also, um Himmels willen, wählt jemand in meinem Heimatwahlkreis die AfD?
Und wenn die Partei dort schon jetzt zweitstärkste Kraft ist, wie würde es bei der nächsten Bundestagswahl 2029 aussehen? Letztendlich entscheidet nicht der Osten Deutschlands, ob die AfD im Bund die stärkste Partei wird, sondern der Westen – weil hier zusammengerechnet viel mehr Menschen leben als im Osten. Und in absoluten Zahlen die meisten AfD-Anhängerinnen.
Ich starrte weiter auf meinen Laptop. In meinem Kopf ratterte es.
Aber ich verstand es nicht.
Also beschloss ich: Ich würde dort nachfragen, wo ich herkomme. In meinem Dorf.
Ernst ist ein schönes Dorf. Ein bisschen Fachwerk, kleine Gassen, grosse Häuser. Im Sommer blühen Geranien, gepflegte Gärten umgeben Pensionen neben Winzerbetrieben: 550 Menschen leben hier.
Das Dorf hat eine Website, weil es ein Touristenort ist. «Ernst … macht Spass!», so lautet der Slogan im Netz. Ich glaube, er stimmt. Es gibt den Fussball- und den Karnevalsverein, die Freiwillige Feuerwehr, die Chorgemeinschaft, den Heimat- und Verkehrsverein, der zahlreiche Feste rund ums Jahr organisiert. Es gibt den Spielmannszug, eine Strickgruppe, den Frauenverein, den Philharmoniker-Männerchor, sogar einen Storytelling-Abend, zu dem jede und jeder kommen und Geschichten erzählen oder einfach nur zuhören kann. Meine Mutter, 78, geht dienstagabends zum Singen, mittwochabends zur Beckenbodengymnastik, alle paar Wochen trifft sie sich mit anderen aus dem Dorf zum Kochklübchen oder mit ihren Freundinnen zum Sektabend.
Es gibt ausserdem einen neuen grossen Supermarkt, Busse, die regelmässig in die Kreisstadt fahren, zuverlässiges Internet, die katholische Kita, Pfarrer Jijo Antony aus Indien, eine riesige Vinothek, einen Sportplatz, den Spielplatz, die doppeltürmige Kirche, eine Pizzeria, eine grosse Metzgerei, ein Café. Meine Tante sagt: «Hier kann man gut leben.»
Wenn mich jemand fragen würde, was für mich zu Hause bedeutet, würde ich sagen: die Mosel-Landschaft mit ihren Steilhängen, an denen sich Rebe an Rebe reiht; die Wälder von Eifel und Hunsrück, die den Fluss an den schroffen Schieferhängen zu beiden Seiten begrenzen; die Mosel selbst, die sich schmaler als der Rhein in engen Kurven durch ihr Bett schlängelt. Die Erinnerung an die schwüle Hitze des Sommers und an das Weinfest als höchstes Fest des Jahres, den Geruch des Traubenmosts im Herbst, an den Fluss, der in meiner Kindheit und Jugend am Ende des Winters zuweilen furchteinflössend über die Ufer trat: All das ist irgendwo in mir gespeichert. Als Kind schwamm ich im Sommer mit den anderen Kindern aus dem Dorf von einem Ufer zum anderen, die Ausflugsschiffe für die Touristen und Schnellbote immer im Auge; ein Slalom durch das glitzernde Wasser.
Noch heute ist der Herbst meine Lieblingsjahreszeit. Dann werden die Trauben gelesen, bevor es endlich ruhiger wird. Im Winter erholen sich die Moselanerinnen von den Millionen Touristen, die die Region jedes Jahr besuchen, um den steilsten Weinberg Europas, die Burg der Kreisstadt Cochem und an jeder Ecke den Riesling zu bewundern, der die Mosel bis nach China und in die USA bekannt gemacht hat. Ich kann jede Person verstehen, die nach Ernst kommt, um zu urlauben; ich würde selbst in Ernst Urlaub machen, wenn ich nicht von hier stammte, so schön ist mein Dorf.
Trotzdem ging ich nach dem Abitur. Weil mir die Möglichkeiten dessen, was ich in diesem Idyll hätte sein und werden können, zu eng erschienen, zumal als Frau. Ich wollte raus.
Also zog ich zum Studium nach Mainz, und von dort meine Kreise. Wie ein Zirkel, dessen Radius langsam, aber stetig grösser wird. Nach dem Studium ging ich erst in den Süden Deutschlands, dann in den Norden. Schliesslich landete ich im Osten. In Berlin blieb ich.
Aber die Mosel ist meine Heimat. Mit ihr fühle ich mich eng verbunden.
Trotzdem war ich in den vergangenen Jahren zu selten zu Besuch. Wenn ich ehrlich bin: Was weiss ich schon, was die Menschen in meinem Heimatwahlkreis bewegt?
Ich brauche jemanden, der mir die Verhältnisse erklärt. Also klingle ich einige Tage nach dem Geburtstag meiner Tante bei Anke Beilstein. Sie ist die Landrätin, leitet die Kreisverwaltung und ist quasi auch die politische Chefin des Landkreises mit seinen 63’000 Einwohnerinnen. Vom Haus meiner Mutter muss ich nur einmal rechts abbiegen, die Strasse hinuntergehen, dann die nächste links. Nach zwei Minuten stehe ich vor ihrem Backsteinhaus. Eigentlich hat Beilstein keine Zeit für spontane Termine. Aber für mich macht sie eine Ausnahme.
Beilstein, 59, feiert in diesem Jahr 40 Jahre CDU-Mitgliedschaft, seit zwanzig Jahren macht sie selbst Politik. Siebzehn davon sass sie in Mainz im rheinland-pfälzischen Landtag, dem Parlament des Bundeslandes. Jetzt muss sie sich im Kreistag, dem Parlament mehrerer Gemeinden der Region, mit fünf AfD-Mitgliedern rumschlagen. Ich kenne Beilstein, seit ich Kind war. Sie ist eine sympathische Person, lächelt viel, wirkt stets offen.
Wie erklärt sie sich das Ergebnis von nahezu 20 Prozent für die AfD in unserem Wahlkreis? «Wir leben hier nicht in Wolkenkuckucksheim», sagt sie. «Wir bewegen uns im Bundestrend.» Corona, Asyl und Migration: Sie zählt die gesellschaftlichen Herausforderungen der vergangenen Jahre auf. Ich nicke. Aber es gibt in Ernst nur eine einzige geflüchtete Person: eine Nigerianerin mit drei Kindern, die alle bestens integriert sind und sonntags als Messdiener in der Kirche stehen. Es ist hier auch niemand an Corona gestorben.
Beilstein sagt: «Es gibt ein grosses Gefühl der Ungerechtigkeit. Während Corona hat sich der Gedanke festgesetzt, dass der Staat jemand ist, der eine unglaubliche Macht hat, in dein Privatleben einzugreifen – und jetzt haben die Leute das Gefühl, er kümmert sich um alle anderen, aber nicht genug um sie.»
Sie macht eine kurze Pause. «Wir haben in unserem Landkreis sehr viele Menschen aus der Ukraine aufgenommen. Die Leute hinterfragen dann ihr eigenes Lebensmodell: Wenn ich so viel arbeite und Verantwortung trage – und die anderen kommen vermeintlich leichter durch, ist das dann noch gut so?»
Anders gesagt: Der Argwohn wächst. Die Menschen an der Mosel arbeiten viel; als Winzer oder Gastwirtin mit eigenem Betrieb schuften sie sogar. Das verdrehte Narrativ über jene, die angeblich auf der faulen Haut lägen, während sie Bürgergeld beziehen: Es verfängt. Dabei geht es den Leuten hier doch gut, denke ich. Gleichzeitig wächst der Anspruch an die Politik, sagt Beilstein. Der Sozialstaat habe den Menschen jahrelang zu viel versprochen. «Jetzt muss man zurückbauen. Und das tut weh.»
Im März wählt Rheinland-Pfalz einen neuen Landtag. Die AfD kann auf die Stimme von jedem fünften Wähler hoffen – mehr als doppelt so viele wie vor vier Jahren. Jan Bollinger, AfD-Landesvorsitzender, nennt Rheinland-Pfalz das «stärkste westdeutsche Flächenland» für seine Partei. Dabei vernetzt sich der Landesverband laut dem rheinland-pfälzischen Verfassungsschutz zunehmend mit der rechten Szene.
Beilstein kämpft mit der Komplexität, die Politik heutzutage bedeutet. Sie erzählt vom Zeller Krankenhaus, eines von zwei Krankenhäusern im Landkreis. Im vergangenen Sommer musste es schliessen, weil es sich nicht mehr rechnete. Beilstein sprach mit allen Beteiligten, auch mit jenen in Mainz, sagt sie. Es half nichts. «Wenn Krankenhausträger an Bedingungen scheitern, die es für sie unmöglich machen, ein Krankenhaus rentabel zu führen, kann der Landkreis das nicht lösen. Aber erklär’ das mal den Leuten.»
Die Proteste rund um die Schliessung des Krankenhauses seien enorm gewesen, sagt Beilstein; es habe Kommentare auf Facebook gegeben, die sie im Nachhinein vielleicht hätte anzeigen sollen. «Das ganze Thema hat die Leute wirklich auf die Palme gebracht.»
Bevor wir uns verabschieden, hat sie noch eine eindringliche Bitte an mich: «Der Erfolg der AfD ist nicht Mosel-spezifisch, das ist mir ganz wichtig», sagt sie. Und rät mir, doch auch mal im Hunsrück und in der Eifel zu recherchieren. Sie hat Tabellen ausgedruckt, die sie auf ihrem Küchentisch vor mir ausbreitet. Sie zeigen die Wahlergebnisse einzelner Ortschaften im Landkreis. Und es stimmt: In manchen Eifel- und Hunsrückgemeinden hat die AfD bei der Bundestagswahl Werte von oder über 40 Prozent der Zweitstimmen geholt. Beilstein hat das grellgrün markiert.
Wenig später verabschieden wir uns. Auf dem Weg nach Hause gehen mir die Ergebnisse der einzelnen Ortschaften nicht aus dem Kopf. Jetzt will ich es ganz genau wissen: Wie hat mein eigenes Dorf abgeschnitten bei der letzten Wahl?
Zu Hause angekommen recherchiere ich im Wochenblättchen die Wahlergebnisse: Von 241 Wählerinnen haben in Ernst 30 Personen für die AfD gestimmt.
Ein Achtel aller Wähler. Viel mehr, als ich dachte.
Viel mehr als ein Ausrutscher.
Eva Thielmann erinnert sich noch. Bei der Europawahl 2024, die parallel mit der Kommunalwahl stattfand, sei ihr ganz anders geworden. «Weil da war plötzlich AfD im Ort.» Als Wahlhelferin musste sie Zettel auszählen, auf denen Leute aus dem Dorf ihr Kreuzchen bei der AfD gesetzt hatten. Sie habe zu den anderen Wahlhelferinnen gesagt: «Iiih, die Zettelchen hier legen wir aber auf einen anderen Stapel!» Total schockiert gewesen sei sie.
Thielmann und ich sitzen in einer der Strausswirtschaften in Ernst. Eine Strausswirtschaft ist eine Gaststätte, in der ein Winzer seine eigenen Weine verkauft, oft werden zusätzlich kleine Speisen angeboten. Es ist wenig los an diesem Abend. Sie bestellt einen Blanc Noir, ich einen Riesling trocken. Wir kennen uns nicht gut, haben aber eine Sache gemeinsam: Thielmann verliess in jungen Jahren das Dorf, so wie ich. Mit Anfang zwanzig ging sie, liess sich zur Pflegefachfrau ausbilden, rund zwanzig Jahre später kehrte sie zurück. «Weil es in Ernst immer noch eine Dorfgemeinschaft gibt, wie du sie nirgendwo sonst findest», sagt sie. «Hier feiere ich den ganzen Sommer durch. Und wenn dir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, gehst du einmal um den Block und hast fünf Leute getroffen.»
Mittlerweile ist Thielmann 57, aber ihr Gesicht zeigt kaum Falten. Im Gespräch fragt sie nach, ist interessiert. Die AfD-Wählerinnen machen ihr Angst. «Es werden mehr», glaubt sie. «Die zu wählen, wird salonfähiger.»
Angst macht Risse im Gefüge.
Dabei sei in Ernst eigentlich alles wie immer. Thielmann muss es wissen, sie sitzt im Gemeinderat. Sie sagt: «Hier ist Bullerbü.»
Nur eine Sache sei ihr aufgefallen: «Die Jüngeren sind so konservativ. Das hat mich echt erstaunt.» Thielmann macht das an der Sache mit dem Elferrat fest. Der Elferrat gehört zur Fastnacht wie die Fastnacht zu meinem Dorf. In Ernst feiert man nicht nur von Weiberdonnerstag bis Veilchendienstag. Fastnacht ist bei uns eine wirklich grosse Sache: Monate vorher üben die Männertanzgruppe, der Chor und die Funkemariechen, werden die Wagen für den Umzug gebaut und Kostüme geschneidert.
Der Karnevalsverein suchte jedenfalls vor ein paar Jahren auf der Jahreshauptversammlung neue Mitglieder für den Elferrat, erzählt Thielmann. Aber nur Männer. Thielmann habe sich beschwert. «Da ist einer hinter mir aufgestanden und hat laut gesagt: ‹Wenn das so ist, trete ich sofort aus. Im Elferrat gibts keine Frauen!›» Da habe sie sich umgedreht und gesagt: «Jetzt pass mal auf.»
Thielmann hat über die Jahre ihren pflegewissenschaftlichen Bachelor und später ihren Master in Pflegemanagement gemacht. In Koblenz leitet sie die pflegerische Versorgung eines grossen Krankenhauses. Sie ist es gewohnt, dass die Leute das machen, was sie sagt. «Und nicht, dass man mich wegen meines Geschlechts infrage stellt!» Genau das habe sie damals geantwortet. «Und der war 15 Jahre jünger als ich!» Der Elferrat blieb trotzdem unterbesetzt.
Einige Monate später wurde sie schliesslich direkt gefragt: «Machste mit?» Thielmann liess sich drauf ein, als einzige Frau. Weil es ja jemand machen musste. «Aber die ersten Auftritte waren nicht schön. Ich war ausgegrenzt.» Dabei seien die anderen doch erst 40 plus! Mittlerweile ist sie seit zwei Jahren dabei, «jetzt ist es gut.» Thielmann ist das älteste Mitglied im Elferrat, «aber ich sag immer: Ich bin die jüngste Frau.» Sie grinst.
Wir bestellen jede noch ein Glas Wein, ich stehe kurz auf, da spricht mich der Vater des Winzers an, dem die Strausswirtschaft gehört. Er sitzt an einem der entfernteren Tische, ich hatte ihn gar nicht bemerkt. Er muss um die 80 sein.
«Wer bist du denn nochmal?», fragt er mich.
«Die Esther», sage ich, «die mittlere Tochter von der Agnes.»
«Ah!», antwortet er. «Und wo bist du jetzt?»
«In Berlin», sage ich, «aber grade zu Besuch.»
Dann legt er los, aus dem Nichts. Er muss das Gespräch zwischen Thielmann und mir mitgehört haben. «Also die Syrer, die wir da hatten zum Traubenlesen, ich trau denen nicht. Kann ein Syrer oder ein Türke sich anpassen? Nein, kann er nicht.»
Ich bin perplex, muss mich kurz sammeln. «Ich glaube schon», sage ich, «wieso nicht? Braucht vielleicht ein bisschen Zeit.»
«Nein, die ganzen Ausländer. Das sind zu viele!»
«Aber deswegen kann man auch nicht die AfD wählen, oder?», sage ich.
«Doch, kann man.» Er zuckt mit den Schultern. «Vielleicht ändert sich dann was?»
Im Dorf wird gemunkelt, wer die AfD wählt und wer nicht. Unter vorgehaltener Hand werden mir Namen zugeflüstert. Die meisten, mit denen ich spreche, meinen, jemanden zu kennen. Doch auch die Mehrheit, die die AfD nicht wählt, ist unzufrieden mit der Politik in Berlin. Niemand äussert sich positiv, was Merz und Co. betrifft. Das Vertrauen in die Bundespolitik scheint gleich null.
Sie sagen, es muss sich etwas ändern; die vielen Geflüchteten aus der Ukraine, das Bürgergeld. Doch wenn ich nachfrage, bleibt es schwammig.
Ich glaube, die Menschen wollen eigentlich gar nicht, dass sich etwas verändert. Sie wollen erhalten, was ist. Dahinter steht eine Angst: Dass der eigene Status sich verändern könnte. Die Angst schwappt rüber aus den Handys, Laptops und Tablets, von Facebook und Telegram. Die meisten, mit denen ich spreche, glauben den klassischen Medien nicht mehr.
Noch mehr Risse.
«Aber die bieten doch auch keine Alternative!», sagt Otmar Göbel, 55, und meint damit die AfD. «Das ist doch alles Käse, was die sagen!» Er winkt ab. Göbel trägt den gleichen Nachnamen wie ich, aber wir sind nicht verwandt. Er sitzt in Arbeitshose und -shirt in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa, Mittagspause. Göbel wirkt geschafft. Seine Hände und das kernige Gesicht verraten, dass er viel draussen arbeitet. Winzer ist ein harter Job.
Die Ernte liegt jetzt, Anfang Oktober, bereits hinter ihm. Seine gesamten drei Hektar Trauben hat Göbel schon im Keller. Früher war das noch anders, zog sich die Weinlese oft bis in den November hinein. Wenn man Pech hatte, fror man sich im Weinberg bei Schnee und Dauernieselregen die Finger ab, während die Füsse im Steilhang keinen Tritt mehr fanden. Ich weiss das so genau, weil ich schon als Schülerin selbst in Göbels Weinbergen stand; damals gehörten sie noch seinem Vater.
Dieses Jahr musste Göbel fast überstürzt lesen. Sonst wäre zu viel faul geworden. Zum Glück meldeten sich drei Ukrainerinnen spontan zur Aushilfe an, die vor Corona schonmal bei der Ernte dabei waren. Göbel sagt: «Ohne die hätten wir schön alt ausgesehen.»
Das Klima verschiebt sich. An der Mosel soll ausserdem künftig weniger per Hubschrauber gegen Schädlinge gespritzt werden, weil das den Apollofalter bedroht. Einen Schmetterling, der an der unteren Mosel heimisch ist. Viele Winzerinnen kämpfen zudem mit den Steillagen, die für die Mosel so typisch sind. Sie zu bewirtschaften, lohnt sich oft nicht mehr. Dann sind da noch die Kundinnen und Kunden. «Die kaufen weniger, auch nicht mehr auf Vorrat», sagt Göbel. Weil die Menschen weniger trinken als früher und mehr aufs Geld schauen.
Und noch etwas habe sich verändert, findet er: «Früher war hier im Dorf mehr wir. Heute ist nur ich, ich, ich.» Wenn an der nächsten Ecke ein Baum umfiele, sagt Göbel, hätte den früher halt irgendjemand weggeräumt. Heute fühle sich niemand mehr zuständig. Stattdessen rufe man die Freiwillige Feuerwehr. «Es macht nicht mehr so viel Spass», sagt er. «Die Leute haben nicht mehr so viel Spass an der Gemeinschaft.»
Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt. Dafür bin ich zu selten zu Besuch. Doch im Herbst und Winter 2025 streitet ganz Deutschland darüber, was Gemeinschaft heute bedeutet. Es ist eine Debatte, die keine Richtung hat; im medial-öffentlichen Raum schreien alle durcheinander, werden einzelne Fragen parallel aufgeworfen, so als stünden sie in einem direkten Zusammenhang: Wer darf ins Land kommen, wer muss gehen? Wer ist Teil der Gemeinschaft, vor wem haben die Menschen Angst? Wie stark ist die Brandmauer, wie hoch soll man sie ziehen? Gehört die AfD zu Deutschland, soll man sie verbieten? Wie weit reicht die Mitte, wann wird aus konservativ rechts? Und wo liegen die Ränder?
Ein Grüner aus dem Kreistag, der ein paar Dörfer weiter wohnt und mit dem ich spreche, wundert sich nicht, dass die AfD auch an der Mosel punkten kann – er wundert sich über meine Naivität. «Die Moselregion ist eigentlich, vorsichtig ausgedrückt, schon immer dunkelschwarz gewesen. Sehr, sehr, sehr, sehr konservativ.» Er sagt das wirklich so: viermal sehr in einem Satz.
Der Schritt zur AfD sei hier viel kleiner als etwa zu den Grünen, findet er. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr seien in und um die Stadt Zell immer wieder Plakate von den Grünen abgerissen und beschmiert worden. Die von der AfD blieben hängen.
Plötzlich werden die Risse sichtbar.
Von den rund 20 Mandatsträgern des AfD-Landesverbandes steht rund die Hälfte im Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der die Partei als rechtsextrem eingestuft hat. Nicole Höchst etwa, rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete, wird in diesem Bericht mit einem Zitat erwähnt, in dem sie Zuwanderer mit invasiven Arten von Tieren und Pflanzen vergleicht. Es ist nicht der einzige menschenunwürdige Satz von ihr.
Deswegen sind nicht alle, die mit der AfD sympathisieren oder sie gar wählen, rechtsextrem. Es ist auch dieser Vorwurf, der die Menschen bei mir zu Hause aufregt. Der noch mehr dazu führt, dass sie sich vielleicht von der Mitte abwenden. Aber zur Wahrheit gehört auch: Viele, die die AfD wählen, scheint es nicht zu kümmern, wie weit rechts die Partei steht. Es ist ihnen egal.
Die Politikwissenschaftlerin Anna-Sophie Heinze von der Universität Trier nennt das im Gespräch «die Normalisierung und das Mainstreaming von Rechtsaussen». Dabei sieht sie die AfD seit 2018 auf einem klaren Radikalisierungskurs. Man habe es, erklärt sie, mit einer «zunehmend professionell agierenden AfD zu tun, die online und offline sehr gute Kampagnen fährt – und eine Strategie der Verharmlosung».
Die AfD, sagt Heinze, sei extrem gut darin, Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Jene, die vorher gar nicht gewählt haben. Aber auch solche, die sich vorher etwa der SPD und CDU zurechneten, wo sich die Bindungen mehr und mehr auflösen, weil die Gesellschaft sich verändert. Die Arbeiterklientel etwa, bei der die SPD immer punkten konnte, löst sich auf. Gleichzeitig sind immer weniger Menschen Mitglied der Kirche, was etwa für die CDU und die CSU zum Problem wird. «Und genau dort, in den lose werdenden Parteibindungen, liegt diese Schnittstelle, wo die AfD sehr stark reingrätscht», sagt Heinze. Ausserdem schaffe die Partei ein Angebot für all jene, die vielleicht schon immer «Anti-Immigration- und populistische Einstellungen hatten». Zwei Personen aus meinem Dorf sagen es so: «Von den 30 AfD-Wählern hat es 25 mit der Einstellung schon immer gegeben – und die anderen 5 trauen sich jetzt rauszukommen.»
Wie tief die Risse sich ziehen, verstehe ich, als ich einige Wochen später mit Gregor Fuhrmann spreche. Er sitzt gut gelaunt und tiefenentspannt auf dem Behandlungsstuhl meiner Mutter, die ihm «die Füsse macht», wie sie sagt. Meine Mutter betreibt ein medizinisches Fusspflegestudio. Die meisten ihrer Kundinnen kommen schon fast 30 Jahre zu ihr. So wie Gregor Fuhrmann. Der lacht schon wieder und strahlt mit seinen 1,90 Metern und dem runden Bauch eine gewisse Unerschütterlichkeit aus. Dabei macht meine Mutter sich gerade an seinem rechten grossen Zeh zu schaffen.
Fuhrmann, 65, ist ehemaliger Bäcker- und Konditormeister und hat Jahrzehnte ein eigenes Geschäft in der Kreisstadt Cochem geführt. «Der kennt fast jeden», sagte meine Mutter, als ich ihr von meiner Recherche erzählte, «mit dem musst du mal reden!» Also frage ich ihn jetzt, wie es den Leuten in Cochem geht. Bezahlbarer Wohnraum sei knapp, Übertourismus ein Problem, genauso wie Sauberkeit, sagt er. Aber sonst: «Alles Friede, Freude, Eierkuchen bei uns.» Aufregen kann er sich trotzdem.
Über Friedrich Merz zum Beispiel. Dabei zählt Fuhrmann sich selbst zum konservativen Lager der CDU, «ganz klar», sagt er. Angela Merkel sei nicht seine Freundin gewesen, «zu links». Als er mit seiner Frau vor der Bundestagswahl zu einem Ortstermin extra nach Stromberg fuhr, wo der jetzige Kanzler sprach, «fand ich den toll. Und meine Frau erst! Die war hellauf begeistert!»
Aber dann kam das Sondervermögen. «Wenn ich das schon höre – Sondervermögen!», sagt Fuhrmann und lacht. «Das sind einfach Schulden! Dabei hat der Merz doch vorher gesagt, er will keine Schulden! Ab da war für mich Schluss – ab da war das nicht mehr meine CDU.»
Meine Mutter desinfiziert Herrn Fuhrmanns Zeh.
Was für ihn Demokratie bedeute, will ich wissen. «Sachorientiert die Mehrheit suchen», sagt Fuhrmann. Was im Zweifel für ihn auch bedeutet: Mit der AfD die Mehrheit suchen, wenn es aus seiner Sicht Sinn ergibt. «Wenn jemand Gemässigtes aus der AfD einen guten Vorschlag einbringt, dem ich zustimmen kann: Wieso nicht?» Natürlich nicht mit so jemandem wie «dem Höcke da im Osten», sagt er, der sei ein absolutes No-Go. «Aber als die AfD von Henkel gegründet wurde 2013, war ich nicht abgeneigt, die zu wählen.»
Von der Brandmauer hält er nicht viel, auch nicht von einem AfD-Verbot. «Man kann ja nicht 20 oder 30 Prozent der Bevölkerung den Mund verbieten. Das wäre nicht demokratisch.» Allein ist Fuhrmann mit dieser Position nicht. In meinem Dorf höre ich sie immer wieder, auch prominente Stimmen wie Juli Zeh äussern sie in überregionalen Medien.
Ein paar Wochen später, Weihnachten. Ich spaziere mit meiner älteren Schwester und meiner Mutter die Moselpromenade entlang. Es ist Abend und eisig kalt. Viele aus meinem Ort haben Anfang Dezember als gemeinsame Aktion Lichterketten an ihre Häuser gehangen, gegen die Dunkelheit. Mein Dorf wirkt festlich und einladend. Als wir am Ortseingang ankommen, fallen sie mir plötzlich auf: zwei grosse Deutschlandflaggen.
In etwa 100 Meter Entfernung voneinander wehen sie auf zwei Privatgrundstücken im frostigen Wind. Ich wundere mich.
«Die sind aber neu», sage ich zu meiner Mutter und meiner Schwester, «oder?»
«Weiss ich nicht», sagt meine Mutter. «Aber gegen eine Deutschlandfahne ist ja erstmal gar nichts zu sagen.»
Das stimmt vielleicht, denke ich.
Bloss kann ich mich nicht erinnern, dass sie früher hier hingen.
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