Wildnis 2.0
Die Natur sich selbst überlassen. Ein Versuch in Grossbritannien.
#60, REPORTAGEN, September 2021
Meine Sehnsucht kommt als oranges Schwein um die Ecke gewackelt, trägt Erdklumpen an den Beinen, Dreckspritzer am Bauch, ein Kleid aus Nieselregen über dem Fell und spaziert direkt auf mich zu. Abrupt bleibe ich stehen. Noch nie habe ich ein so großes Schwein aus der Nähe gesehen, und dazu auch noch eines mit orangem Fell.
Wenn es jetzt weiter in meine Richtung läuft, was mache ich dann? Wer wäre schneller, das Schwein oder ich? Sind da noch mehr Tiere? Ich blicke mich um. Ist da irgendjemand? Nein, weit und breit niemand zu sehen. Kein Zaun, kein Mensch, kein Tier. Nur ich, das Schwein und der englische Regen. In einigen Metern Entfernung öffnet sich ein Wald, am Himmel fliegen zwei Raben, von irgendwo röhrt ein Hirsch. Gestern, bei meiner Ankunft, konnte ich noch das Meer riechen, das der Wind hinübertrug; von hier bis zur südenglischen Küste sind es nur 40 Autominuten. Heute schluckt der Regen alles.
Nichts deutet an diesem Herbstmorgen in West Sussex auf die Besonderheit der Szenerie hin. Und doch: Das Schwein, die Raben und der Hirsch, auch die Rehe und Wildponys, die sich gerade im Unterholz verstecken, die Vögel, Insekten und Mikroorganismen, die des Sommers den Himmel, die Wiesen und den Boden dieses Areals bewohnen, sie alle sind meine Sehnsucht. Die nach einer Ursprünglichkeit, wie es sie in Europa nur noch selten gibt. Und weil das so ist, könnte man jenes orange Schwein, das zu meiner Erleichterung beschlossen hat, mich zu ignorieren, eine kleine Sensation nennen. Möglich gemacht haben sie Isabella Tree und ihr Mann Sir Charles Burrell. Ohne ihre Hilfe wäre das Schwein gar nicht hier. All die anderen Tiere auch nicht. Sie sind die Reste von ehemals riesigen Beständen in funktionalen Ökosystemen. Und wenn man Isabella Tree fragt, sind sie auch die Zukunft.
Es geht im Leben der 56-Jährigen viel um Vergänglichkeit. Darum, der Natur weitestgehend ihren Lauf zu lassen. Vielleicht strahlt Tree deswegen eine gewisse Unerschütterlichkeit aus, wie sie jenen Menschen innewohnt, die lernen mussten, die Kontrolle abzugeben. Und die gesehen haben, was aus diesem Kontrollverlust erwachsen kann, was Loslassen ermöglicht. Zum Beispiel ein Naturschutzprojekt, das in England mittlerweile viele Menschen kennen, das Preise gewonnen hat – und das auch für eine Umwälzung steht, die sich im Naturschutz seit einigen Jahren vollzieht. Sie nimmt gerade erst an Fahrt auf.
Dabei hatten Tree und ihr Mann nie geplant, Pioniere in Sachen Ökosystemmanagement zu werden. Aber die Natur selbst zwang sie irgendwann dazu. Was dann geschah, hatte keiner von beiden kommen sehen. «Ich flog damals als Reisereporterin um die Welt und schaute mir Wildtiere an», sagt Tree rückblickend, «niemals hätte ich gedacht, dass wir sie einmal hier haben würden.»
Ihre Füsse stecken in Gummistiefeln, das Gesicht zeigt keine Spur von Make-up, die Haare trägt sie kurz. Tree hat wenig Zeit, als wir uns zum Interview in einer ausgebauten Scheune treffen, die Teil des riesigen Geländes ist, das ihr und ihrem Mann gehört. Leise prasselt der Regen aufs Scheunendach, während Tree noch schnell einen Tee aufsetzt. Trotz des Zeitmangels wirkt sie im Gespräch entspannt, ihre Stimme klingt weich. Tree strahlt eine Gelassenheit aus, die es braucht für solch ein Projekt, wie ihr Mann und sie es hochgezogen haben. Damals, um die Jahrtausendwende, als das Wort «Rewilding» in Grossbritannien nur wenige kannten, anders als heute. Was nicht bedeutet, dass die Wissenschaft sich mittlerweile auf eine strikte Definition des Begriffs geeinigt hätte. Was genau «Rewilding» meint, kommt darauf an, wen man danach fragt. Tree beschreibt das Konzept und damit das, was auf und in ihrem Grund und Boden passiert, so: «Es geht darum, der Natur zu überlassen, was die Zukunft bringen wird.»
Genauer gesagt geht es bei Rewilding darum, brach liegende Flächen und dysfunktionale Ökosysteme durch die Einführung von oftmals sehr alten Arten wieder fit zu machen. Anders als beim konventionellen Naturschutz, der darauf bedacht ist, durch ein strenges Management bestimmte gefährdete Arten zu erhalten, geht es bei Rewilding darum, ein Ökosystem in Gänze anzukurbeln – mit allem, wohin es sich in seiner Komplexität entwickelt. Ein möglichst minimaler Eingriff des Menschen soll das ermöglichen. Die Natur soll sich selbst helfen, weil sie es selbst am besten kann, so die Idee, die wissenschaftlich und politisch immer stärker in den Fokus rückt, weil die Welt ein Problem hat: Sie stirbt. Nicht nur wegen des Klimawandels. Sondern auch wegen des Verlusts ihrer Biodiversität.
Gletscher, Seen, Regenwälder, Waldwiesen, Tümpel, Wüsten und Moore; das Plankton in den Tiefen des Ozeans genauso wie die großen Landsäuger Afrikas; die Feuchte des Amazonas genauso wie die Kargheit der höchsten Gebirgsketten; das Zwitschern der Vögel, das Klickern der Wale, das Summen der Bienen: All das ist es, was Wissenschaftler und Forscherinnen unter Biodiversität verstehen. Die Vielfalt der Natur. Sie ermöglicht saubere Luft, fruchtbare Böden, unser Klima. Der Mensch ist nicht lebensfähig ohne diese Vielfalt. Und doch: Die Biodiversität sinkt dramatisch. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2019 ist von rund acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit etwa eine Million Arten vom Aussterben bedroht. Ein Massensterben, dessen Ausmass sich kaum fassen lässt, die Zersplitterung von Ökosystemen inbegriffen. Bis auf einige Flächen in Nordskandinavien, den Karpaten, den Alpen sowie den Pyrenäen gibt es in Europa nahezu keine intakten ökologischen Lebensräume mehr. Der Mensch braucht so viel Platz, dass der für andere Lebewesen fehlt.
Auch Isabella und Charles waren lange vom Verlust der Biodiversität betroffen. Bloss wussten sie es nicht. Rund 1400 Hektar Land in der Nähe des Örtchens Horsham gehören den Burrells, die zum niederen britischen Adel zählen. Schmale Straßen, mit Rosen umrankte Cottages, Wälder, ehrwürdige Eichen, Felder, ein kleiner Fluss und sogar eine alte Burg mit riesigem Parkgelände inbegriffen; hätte Rosamunde Pilcher eine englische Landidylle in die Realität gebaut, sie sähe so aus. Wer das gesamte Gelände Knepps einmal rundherum ablaufen will, braucht ungefähr einen Tag. Charles’ Grosseltern hatten das Land als Bauern bewirtschaftet. In den Achtzigern übernahm der Enkel – und musste schon damals um jedes britische Pfund kämpfen. Egal, wie viele Chemikalien er in den schweren Tonboden pumpte. Eine Zeit lang ging er als Gewinner aus dem Kampf Mensch gegen Boden hervor, doch langfristig konnten selbst die Milchkühe und Subventionen des europäischen Agrarsektors das Rattern der Zahlen in den roten Bereich nicht aufhalten. Der Boden war einfach zu ausgelaugt. Charles machte Minus mit seinem landwirtschaftlichen Betrieb. Als dann auch noch die jahrhundertealten Eichen auf ihrem Land zu sterben begannen, wussten Isabella und Charles: So geht es nicht mehr.
Zuerst mussten elf Mitarbeiter gehen. Danach verabschiedete das Paar sich von 120 Kühen, ihrem gesamten Viehbestand. Sie verkauften Traktoren, Mähdrescher, die ganzen landwirtschaftlichen Geräte. Sie verpachteten die Gebäude – und hörten auf. Nach siebzehn Jahren. «Ehrlich gesagt: Wir hätten das damals noch weitergemacht, wenn die Zahlen besser gewesen wären», sagt Tree während unseres Gesprächs, «aber die lügen eben nicht. Und Charles’ Familie war schon immer sehr pragmatisch mit Zahlen.»
Es sollte ein schmerzvoller Abschied werden. Aber auch ein Aufatmen. «Als Bauer war Charlie immer unendlich gestresst», erinnert sich Tree an ihren Mann von damals. «Das Wetter machte nie das Richtige, die Preise stimmten nie. Das fiel plötzlich alles von ihm ab.» Aus dem Ende wurde ein Anfang.
Heute, zwanzig Jahre später, ist aus Knepp ein erfolgreiches Projekt geworden. Es wird von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet, dem 31 Forscher und Expertinnen angehören, erwirtschaftet Geld, zieht Wochenendtouristen an genauso wie Bauern aus dem Umland, die in Knepp eine Antwort auf die Frage suchen: Kann das hier ein Vorbild sein für einen modernen und rentablen Umweltschutz, der tatsächlich die Biodiversität an vorderste Stelle stellt und trotzdem den Menschen nicht vergisst? Eine funktionierende Strategie gegen das grosse Artensterben – und unrentable Böden?
Isabellas und Charles’ Vision begann mit dem «Middle Block», also jenem Areal, das sich rund um die alte Burg zieht, einen neugotischen Bau aus dem 19. Jahrhundert. Sie beantragten eine öffentliche Förderung, bekamen das Geld, umzäunten das gesamte Gebiet, genauso wie den «Northern Block». In beide Areale zogen Longhorn-Rinder ein. Im Middle Block restaurierten sie den alten Park nach historischem Vorbild, stellten Damwild auf die Wiesen, dazu sechs Exmoor-Ponys und zwei Tamworth-Schweine. Allesamt alte Arten: das Longhorn-Rind, bekannt für seine gebogenen Hörner und seine Widerstandskraft; Exmoor-Ponys, die als ursprünglichste und wildpferdartigste unter den britischen Kleinpferden gelten; dazu Tamworth-Schweine, bekannt für ihre langen Beine, das orange Fell und die genetische Nähe zum Wildschwein. Die neuen tierischen Bewohner weckten eine Sehnsucht in Charles und Isabella: Sie wollten mehr von dieser Wildnis.
Ein Baumspezialist, der Knepps alte Eichen untersucht hatte, erzählte den beiden von Oostvaardersplassen in den Niederlanden, einem Gebiet in Flevoland nordöstlich von Amsterdam. Naturschützer hatten dort Anfang der achtziger Jahre auf 5600 Hektar Rot- und Rehwild, Konik-Ponys und Heck-Rinder angesiedelt und sich selbst überlassen. Allesamt grosse Pflanzenfresser, die vor der Eiszeit das Gebiet Europas besiedelt und dort weiträumig gegrast hatten, so glauben die Macher hinter Oostvaardersplassen, wodurch Serengeti-ähnliche Flächen mit offenen Graslandschaften entstanden sein sollen. Experten nennen diese Annahme «Megaherbivoren-Theorie», sie ist umstritten. In Isabella und Charles knipste sie jedoch etwas an, als sie Oostvaardersplassen kennenlernten. Die weiten Flächen, die großen Landtiere, die Zugvögel: Sie erinnerten das Paar an Reisen durch Kenya, Tansania, Namibia, Botswana und Südafrika. Sie sahen das Bild vor sich: frei laufende Graser und eine neue Artenvielfalt, mitten in Südengland, auf ihrem Grund und Boden! Damit stand fest, was aus Knepp werden sollte: ein neues, ein anderes Oostvaardersplassen.
Das Paar plante seine Revolution im «Southern Block». Drei Jahre lang liessen Isabella und Charles das Land brach liegen. Sie rissen die letzten verbliebenen Zäune innerhalb des Geländes nieder und bauten einen grossen rundherum. Dann zogen die Tiere ein: neben Damhirsch noch Rotwild, Tamworth-Schweine, Exmoor-Ponys und Longhorn-Rinder. Die urtümlichen Landtiere sollten als Starthelfer für das gesamte Ökosystem dienen, konnten sie doch im Southern Block nun frei nach Lust und Laune umherwandern. Die Idee ging auf: Mit den großen Tieren kamen ungeplant mehr als 400 andere Arten. Sie fanden Platz in Knepp, weil es plötzlich welchen gab. Weil sich Nischen bildeten und das komplexe Netz der einzelnen Arten weitere anzog. Unter ihnen die Nachtigall, vom Aussterben bedroht. Oder die Turteltaube, die schon Shakespeare in seinen Worten beschrieben hatte, auch sie eine gefährdete Art. Dazu Kleinsäuger wie Fledermäuse, oder Eulen und Schmetterlinge wie die Großen Schillerfalter, die im Sommer zu Tausenden durch die Wälder Knepps flattern und deren Männchen durch die irisierend blaue Farbe ihrer Flügel bestechen.
Auch die Bodenqualität verbesserte sich: Der Kohlenstoffgehalt hat sich verdoppelt, bestimmte Pilze haben sich verdreifacht. Die grossen Landtiere wirken als Raumplaner ihres eigenen Zuhauses. Sie haben den Southern Block umgebaut, in ein ungeordnetes Mosaik bestehend aus Wald, offenen Wiesen, wassernahen Flächen verwandelt.
Grosse Prädatoren wie etwa den Wolf gibt es allerdings in Knepp nicht; für ihn wäre das Areal viel zu klein. Wie sehr aber auch schon die grasenden Tiere auf ihre Umgebung einwirken, kann ich auf meinem Streifzug durch das Gelände beobachten. Der umgegrabene Boden mit tiefen Schlammlöchern darin: das Werk der Schweine. Die abgefressenen Äste der Weidenbäume: ein Gruß der Rehe und Hirsche. Das kurz gehaltene Gras der Wiesen: die Handschrift der Wildponys. Alles wächst im Southern Block durch-, über- und ineinander; neben einem Haselnussstrauch zickzackt eine Hagebutte, die sich durch eine Hecke kämpft. Direkt hinter ihr erhebt sich eine alte Eiche, in einigen Metern Entfernung versammeln sich ein paar Weidenbäume auf der durchlöcherten Wiese, gespickt mit alten, vertrockneten Disteln. Das Gelände wird von Gestrüpp überwuchert, ich sehe nichts als Durcheinander. Irgendwie hatte ich mir das Ganze spektakulärer vorgestellt. Ich, die keine Vorstellung mehr von «ursprünglicher Natur» hat und nicht weiß, wie diese überhaupt aussehen oder was sie meinen soll.
Doch das Spektakel, es vollzieht sich im Stillen. Dort, wo ich nicht hinschaue. In den Hecken etwa, die unzähligen Kleinsäugern und Pflanzen ein Zuhause bieten. Wie in einer einstudierten Choreografie stehen die einzelnen Arten über Nahrungsketten in Beziehung zueinander, bilden mit ihrer Umwelt ein komplexes Geflecht, indem sie sich gegenseitig beeinflussen – um am Ende eine perfekte Kür der Natur aufzuführen.
Ein funktionierendes Ökosystem kann man gut mit dem menschlichen Körper vergleichen: Auch dort finden ständig Stoff- und Energiekreisläufe statt, hält das Zusammenspiel der einzelnen Organe die Maschine am Laufen. Entscheidend ist nicht so sehr, ob eine Niere fehlt oder ein Mensch mit einem künstlichen statt seinem eigenen Herzen lebt. Entscheidend ist, was jedes Organ tut. So ist es auch in der Supermaschinerie eines Ökosystems: Es ist die Aktivität seiner einzelnen Bestandteile und deren Beziehung zueinander, die das grosse Ganze formen. «Damit ein Ökosystem funktioniert, braucht man Vielfalt», sagt die Wissenschaftlerin Nathalie Pettorelli vom Londoner Institute of Zoology, «es ist ein bisschen wie beim Menschen: Eine Gesellschaft, in der alle gleich aussehen, gleich denken und vom selben Ort kommen, würde nicht gut funktionieren; man braucht verschiedene Faktoren, die alle ihre jeweilige Rolle einnehmen.»
Normalerweise laufe ich nicht in Trekkingschuhen über englische Schotterwege, sondern in Turnschuhen durch eine Großstadt. Berlin, so sagen viele, sei eine grüne Stadt: viele Bäume, viele Parks, viele Seen im Umland. In meinem Alltag beschränkt sich «Natur» jedoch auf die Blumen und Kräuter meines Balkons, den Basilikum in meiner Küche und die schiefen Bäume im Hinterhof meines Wohnhauses. Die Sehnsucht aber nach Ursprünglichkeit und Wildnis, ich spüre sie oft. Ohne sagen zu können, woher genau sie eigentlich kommt.
Wenn es ganz schlimm wird mit der Sehnsucht, denke ich an den Pacific Crest Trail in den USA, meinen Traum. Unbedingt möchte ich den rund 4265 Kilometer langen Fernwanderweg einmal laufen, oder zumindest Teile davon. Ich imaginiere mich hinein in Endloswandertage durch die Nationalparks entlang der amerikanischen Westküste. Dazu suche ich die entsprechenden Bilder im Netz – und verfluche im selben Moment das, was ich gerade tue. Weil mir schmerzlich bewusst wird, wie weit sich mein Leben als moderner Büromensch und Grossstadtbewohnerin von der Natur entfernt hat.
Doch in Knepp treffe ich sie tatsächlich, jene Ursprünglichkeit, die ich so oft vermisse. Schon in meiner ersten Stunde auf dem Gelände flitzt ein Eichhörnchen an mir vorbei, sehe ich einen Storch hoch oben in seinem Nest thronen. Und dann, ich kann es kaum fassen, steht die Wildnis plötzlich vor mir. Beziehungsweise trabt an mir vorbei: Als sei es das Normalste auf der Welt, kreuzen zehn Exmoor-Ponys in rund zwanzig Metern Entfernung meinen Weg. Eins nach dem anderen schlüpft durch die niedrige Hecke als einzige Begrenzung hindurch und trabt gemütlich von der Wiese links neben meinem Schotterweg rüber zur Wiese rechts des Weges. Das letzte Pony in der Reihe bleibt plötzlich auf der Mitte des Weges stehen. Genau auf meiner Höhe. Es dreht seinen Hals in meine Richtung und blickt mich an. Ich starre zurück. Für einen Moment gefriert die Zeit. Das Pferd und ich, zwei sich fremde Lebewesen, und doch auf ewig verbunden durch die unsichtbaren Fäden der Evolution.
«Ich weiß nicht, wie mir geschieht, wenn ich sie ansehe, diese unergründliche Natur; aber es sind heilige seelige Thränen, die ich weine vor der verschleierten Geliebten», schrieb Friedrich Hölderlin in seinem Fragment von Hyperion. Etwas mehr als 200 Jahre ist das nun her. Als Hölderlin seine Zeilen verfasste, hatte ausgehend von England gerade das Zeitalter der industriellen Revolution eingesetzt – und mit ihr eine Geschichte der Zerstörung, die der Mensch schreiben sollte. Kein anderes Lebewesen hat seine Umwelt so sehr geprägt. Der Mensch zwang der Welt sein Antlitz auf. Er schuf sich gar sein eigenes geologisches Zeitalter; heute leben wir im sogenannten Anthropozän. Und doch: Wo verortet der Mensch sich selbst, in seiner kompliziert gewordenen Beziehung zur Natur? Sind wir nicht Teil dessen, was wir zerstören? Bleibt die Sehnsucht nach dem Intakten nicht erhalten?
Doch, sagt Matthias Gross, Umwelt- und Stadtsoziologe vom Helmholtz-Zentrum in Leipzig. «Wir stellen uns Natur immer noch so vor, wie die Welt sein sollte.» Die Zeit der Romantik wirke nach, «da hat sich nicht so viel geändert», sagt Gross. Er nennt diese Vorstellung «Bambi-Natur»: die Idee einer beschützenden Unberührtheit, die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Dabei laufe der moderne Mensch fortwährend in Paradoxien hinein, auch beim Thema Rewilding. «Das ist schon wieder ein bisschen wie Gott spielen», sagt Gross, «der Mensch entscheidet jetzt, was er auf seine Flächen stellen will an Tieren und Pflanzen, um was gutzumachen, was er mal kaputtgemacht hat. Aber er wartet auch nicht, bis die Natur das selbst macht, das dauert ihm zu lange.»
Isabella Tree sieht das anders. «Man kann der Natur eine helfende Hand reichen», sagt sie, «es kann sonst Jahrhunderte dauern, bis sich ein kaputtes Ökosystem wieder voll erholt hat: Die grossen Graser waren für unser Land wie Kickstarter.»
Die eigene Begeisterung und Liebe zur Natur, sie entspringe, so sagt sie es, einem «naiven Enthusiasmus für die Wildnis», den sie und ihr Mann teilten. Charles, der die ersten Jahre seiner Kindheit in Simbabwe verbrachte, wo der Vater als Farmer Tabak und Baumwolle anbaute, und später gemeinsam mit dem Vater nach Australien emigrierte, um dort in den Weiten des Buschs zum Jugendlichen heranzuwachsen. Isabella, die in Dorset aufwuchs, an der südenglischen Küste, nicht weit von Knepp entfernt. Die als Sechsjährige stundenlang draußen herumstrolchte und ganze Tage lang unbeaufsichtigte Fahrradtouren mit Freunden unternahm, picknickte, Feuer machte. Beide lebten eine Kindheit, die zu weiten Teilen im Freien stattfand. Dieses Draußen, es hat sich eingenistet in ihnen; die Freiheit, die Knepp heute auszeichnet, Isabella und Charles trugen sie schon als Kinder in sich.
Und doch stellt sich mir bei meinen Streifzügen durch das Gelände irgendwann die Frage: Wie viel Kontrollverlust ist beim Thema Rewilding nötig – und wie viel ist zu viel? Kann der Mensch jene Unsicherheit aushalten, die Knepp und rund ein Dutzend anderer Projekte ähnlicher Art in Europa voraussetzen?
Nicht alle waren so begeistert wie Isabella und Charles, als sich Knepp veränderte. «Es sieht aus, als würde sich niemand drum kümmern», beschrieb ein benachbarter Bauer sein Gefühl zu Anfang des Projekts in einer anonymen Umfrage. «Ein Rückschritt», kritisierte ein anderer. «Mutwilliger Vandalismus!», erregte sich ein Dritter. Wieder ein anderer schrieb sogar ein 16-versiges Schmähgedicht.
Die lauten Stimmen haben sich mittlerweile gelegt. Aber in den nächsten Wochen werden zwei Biberpaare in den Southern Block einziehen. Vor allem Charles hatte sie sich als Teil von Knepp gewünscht, von Anfang an. In früheren Zeiten waren die Tiere in ganz Europa beheimatet, doch der Mensch hat auch sie beinahe ausgerottet. Dabei sind Biber wahre Baumeister ihres eigenen Habitats: Sie graben riesige Löcher, knabbern Bäume an, bauen Dämme, fluten Wiesen und schaffen Wasserflächen, von denen etwa Libellen oder Vögel profitieren können – aber genau wegen dieser Wasserflächen werden die Biber von manchem Bauer gefürchtet. Was wird passieren, sollten die Biber in Knepp zu viele Bäume fällen? Was, wenn ihre Population sich so stark vergrössern sollte, dass die Tiere sich nicht mehr an die Grenzen des Southern Block halten wollen? Wenn ihre Staudämme die Äcker benachbarter Bauern fluten?
Der Mensch ist es nicht mehr gewohnt, die Natur machen zu lassen und sich ihr unterzuordnen. Er fürchtet den Wolf im Osten Deutschlands und den Biber im Süden, beide wiedereingebürgert – und denkt die Natur längst auch als wirtschaftlichen Faktor. Die meisten von uns haben eine völlig falsche Vorstellung davon, was ursprüngliche Natur eigentlich ist: Wenn ich daran denke, fällt mir als Erstes der Begriff «Wald» ein – dabei ist ein Wald heute in der Regel ein stetig gescreentes und eng verwaltetes Stück Land, das die Ansprüche von Försterinnen, Jägern, Erholungssuchenden und Naturschützerinnen gleichermassen erfüllen soll.
Bis 2020 hatte Deutschland sich zum Ziel gesetzt, zwei Prozent des Landes in unberührte Wildgebiete umzuwandeln. Doch der ohnehin schon magere Plan ist gescheitert: Gerade einmal 0,6 Prozent der Fläche in Deutschland gelten heute als Wildnis.
Und weil der Mensch eben nur ein sehr geringes Mass an Wildnis aushält und es nicht lassen kann einzugreifen, läuft in Knepp am Ende doch nicht alles so romantisch, wie die Idee von Rewilding es zunächst vermuten lässt oder die projekteigene Website es suggeriert. Isabella und Charles, sie mussten die Endlichkeit der Freiheit ausloten, den Menschen in ihr Projekt mit einbeziehen. Deswegen zieht sich ein dichtes Netz an Spazierwegen durch das gesamte Areal, auf dem Besucher sich bewegen können. Wer will, kann darüber hinaus eine oder gleich mehrere der 24 «Safaris» buchen, also geführte Spaziergänge, die einige Stunden dauern und einem je nach persönlichem Interesse die siedelnden Tiere oder Pflanzen nahebringen. Seit 2014 gibt es ausserdem einen Campingplatz für jene, die gleich ein paar Tage bleiben wollen. Auch «Glamping», die Luxusvariante von Camping, in der bereits fertig eingerichteten Jurte ist möglich; Kingsize-Doppelbett, Schreibtisch und Kaffeekocher inbegriffen.
Ein Widerspruch ist all das für Isabella Tree nicht. «Wir dürfen Natur nicht ghettoisieren», sagt sie, «sondern müssen sie überall dorthin zurückbringen, wo wir Platz haben, in unseren Hinterhöfen, überall!» Dass in Knepp geschossen und das eigene Wild in einem Laden gleich in der Nähe des Campingplatzes verkauft wird, steht für Tree ebenfalls nicht im Widerspruch zur ursprünglichen Idee. Mit Rind- und Hirschfleisch aus 70 Tonnen Lebendgewicht werden jedes Jahr 120 000 britische Pfund erwirtschaftet. «Wir müssen die Populationsgrösse niedrig halten, damit sich der Lebensraum entwickeln kann», erklärt Tree, «deshalb schießen wir. Zu viele Tiere, und man bekommt schnell ein dichtes System an Grasern – das letztlich artenarm ist. Zu wenige, und man hat überall Gestrüpp, das sich dann zu einem geschlossenen Wald entwickelt – der letztlich auch artenarm ist. Es geht um den Kampf zwischen Tieren und Vegetation, um die richtige Balance.»
Natürlich geht es aber auch um Geld. Irgendwie muss das Projekt sich finanzieren. Die Gelder der öffentlichen Förderung allein reichen nicht, das Camping-Business ist die zweitgrößte Geldsäule Knepps. Mehr kommt nur noch über die Vermietung ehemaliger landwirtschaftlicher Gebäude rein.
Deswegen ist es am Ende doch wieder der Mensch, der Regeln vorgibt: Stirbt eines der großen Tiere, wird es nicht zur natürlichen Verwesung liegen gelassen. So viel Grausamkeit der vermeintlich so liebsamen Natur will man den Besuchern und Besucherinnen dann doch nicht zumuten.
Und die Biber? Ein spezieller Zaun soll ihre Dammaktivitäten überwachen und das Wasser so lenken, dass keine flächendeckenden Überflutungen entstehen. Sollte die Population doch zu groß werden und sich außerhalb Knepps ausbreiten, behält man sich vor, die Biber einfach wieder umzusiedeln.
Und dann ist da noch der Mensch. Er hat in Knepp tatsächlich seinen Platz gefunden – indem er dort ausgerechnet die Funktion des Wolfes einnimmt, zumindest teilweise. Der Wolf nämlich triebe das Wild innerhalb des Areals vor sich her, wäre er ansässig. So bleiben die Tiere in Bewegung und grasen nicht nur in einem Bereich des Gebietes. Dies tut nun der Mensch: Die Tiere Knepps haben sich zwar an die Spaziergänger und Wanderer gewöhnt, versuchen aber doch, ihnen auszuweichen. So bleiben sie tatsächlich in Bewegung, verteilen sich und grasen weitläufig.
Wer will, kann darin eine gewisse Ironie erkennen: Der Mensch probiert sich rauszuhalten – und schafft es nicht. Er hat die Landschaft Europas so sehr geprägt, dass er einfach nicht mehr wegzudenken ist.
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