Ware Liebe
Die moderne Reproduktionsmedizin kann Träume erfüllen – aber auch zum Trauma werden. Während eine Schweizerin mithilfe einer Eizellspende Mutter wird, macht das gleiche System die Körper von Frauen in Georgien und Thailand zu Rohstoff-Fabriken.
#6/26, annabelle, Juni 2026
Man sieht es Ben* nicht an. Seine braunen Augen führen auf die falsche Fährte. „Leute, die es nicht wissen, finden, wir sehen uns ähnlich“, sagt seine Mutter Sophia Schmid* (46), während Ben im Buggy quengelt. Sie selbst hat braune Augen, genau wie ihr zweijähriger Sohn. Geplant hat sie das nicht. Als die Klinik damals ein Foto von ihr wollte, um ihr Äusseres abzugleichen mit dem der Spenderin, wunderte sie sich eher. „Ben ist mein Kind, ich liebe ihn”, sagt sie jetzt. „Der Rest ist doch egal.”
Sophia Schmid schiebt den Buggy durch Luzern, sie will mit Ben noch zum Spielplatz. Es ist ein kalter Samstagnachmittag im Januar 2026. Nebel kriecht über den Vierwaldstättersee und versteckt die Berge. Auf dem Spielplatz angekommen hebt Schmid Ben aus dem Buggy. Die anderen Eltern, die auch mit ihren Kindern hier sind, sehen jünger aus als sie. „Ich wusste immer, dass ich einmal Mutter werde”, sagt sie, „nur später. Aber mir war klar, dass ich alles dafür tun würde, einmal Mama zu sein.”
Kinder waren schon immer Teil ihres Lebens: Schmid hat einen jüngeren Bruder, ihre Mutter arbeitete als Tages-Mama. Sie selbst ging in jungen Jahren für Au-Pair-Jobs in die USA und nach Italien. Heute arbeitet Schmid als Pädagogin mit Kindern im Grundschulalter, jeden Freitagabend gibt sie Schwimmunterricht für die Kleinen. Sophia Schmid liebt Kinder. Sie wollte immer ein eigenes. „Seit ich als Teenager mit Babysitting anfing, wusste ich das.”
Schmid´ Weg zum Elterndasein ist allerdings nicht der, den Menschen üblicherweise nehmen. Er führt vom Ende einer toxischen Beziehung und steigendem Zeitdruck über Arzttermine und viele Überlegungen zu einer Klinik nach Mallorca, Spanien. Als Sophia Schmid 2023 mit Anfang vierzig während einer Routineuntersuchung bei ihrer Frauenärztin sitzt und die ihr sagt, ihr laufe die Zeit davon, bekommt sie Angst. Ist es zu spät für ein eigenes Kind? Schmid dämmert: Sie muss handeln, jetzt. In ihrer Beziehung aber läuft es schon lange nicht mehr gut. Doch die Ärztin sagt ihr an diesem Tag noch etwas: Um ein Baby zu bekommen, braucht sie keinen Partner. Nicht zwingend. Es gibt Kliniken, in Spanien zum Beispiel. Und dann sagt die Ärztin jenes Wort, das Schmid´ Leben auf den Kopf stellen wird: Eizellspende.
Für Schmid wird dieses Wort nichts weniger bedeuten als ihr persönliches Happy End. Für zwei andere Frauen aber, tausende Kilometer entfernt in Thailand, steht dasselbe Wort im Zusammenhang mit ihrem grössten Albtraum – und für die dunkle Seite der Reproduktionsmedizin. Sie sind Opfer eines globalen Systems, das Frauen ausnutzt. Auch von ihnen wird dieser Text noch erzählen.
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Zu dem Zeitpunkt, als Sophia Schmid bei ihrer Frauenärztin sitzt, hat sie noch nie davon gehört, dass eine Frau mit der befruchteten Eizelle einer anderen schwanger werden kann. Bis zu jenem Gespräch mit ihrer Ärztin hat sie auch noch nie darüber nachgedacht, ohne Partner Mutter zu werden. Ihre Eltern sind bis heute verheiratet, das Ideal der Tochter orientiert sich nach wie vor am klassischen Modell: Vater, Mutter, Kind. Doch dafür ist im Frühjahr 2023 keine Zeit mehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass Schmid mit 43 Jahren auf natürlichem Wege schwanger wird, liegt nur noch bei fünf Prozent. Weil die Qualität von Eizellen und damit die Fruchtbarkeit bei Frauen schon ab dem Alter von 35 Jahren sinkt.
Hierzulande ist die Eizellspende verboten, was nicht überall in Europa der Fall ist. Der Bundesrat will dieses Verbot nun aufheben und die Eizellspende erlauben. Bis Ende dieses Jahres soll eine Vernehmlassungsvorlage ausgearbeitet sein. Der Vorstoss des Bunderates trägt der rasanten Entwicklung der Reproduktionsmedizin Rechnung: Seit 1978 das erste im Labor gezeugte Baby geboren wurde, haben sich die Methoden der Fruchtbarkeitsmedizin mit jedem Jahrzehnt verbessert. Den wirtschaftlichen Wendepunkt der Branche brachte die Vitrifikation von Eizellen. Also die Möglichkeit, sie sowohl befruchtet als auch unbefruchtet einfrieren und später wieder auftauen zu können. Diese Methode ermöglichte einen internationalen Markt – einen, der stetig wächst. Private Geldgeber:innen investieren gern, denn der Markt gilt als krisensicher, die Nachfrage auf Kund:innenseite steigt. Immer mehr Menschen weltweit nutzen reproduktionsmedizinische Dienste, so wie Sophia Schmid. Der globale Reproduktionssektor umfasst ein Volumen von rund 35 Milliarden Dollar. Das medizinische Fachmagazin „The Lancet“ schätzt, dass dieser Wert sich innerhalb der nächsten zehn Jahre fast verdoppeln wird.
Bereits heute spinnt die Reproduktionsmedizin ein unsichtbares Netz um den gesamten Globus. Eizellen, Kundinnen, Leihmütter und Spenderinnen reisen um die Welt. Alle 15 Sekunden, so schreibt das Magazin „Bloomberg“ in einer umfangreichen Recherche, werden einer Frau irgendwo auf diesem Planeten Eizellen entnommen. Sie wandern zum Beispiel aus argentinischen Frauenkörpern nach Europa, von amerikanischen nach China, von spanischen oder griechischen in die Schweiz, aus Taiwan in die USA – oder von thailändischen über Umwege nach China. Die Entstehung eines Babys lässt sich heute in seine Einzelteile zerlegen und auf unterschiedliche Menschen oder Labore verteilen, einer Lieferkette gleich. Eizellentnahme, Spermaspende, Einsetzen des befruchteten Embryos in die Gebärmutter, die Geburt des Babys: All diese Schritte können an unterschiedlichen Orten ablaufen. Wenn die späteren Eltern eine Leihmutter wählen, müssen sie an keinem dieser Schritte selbst beteiligt sein.
Für Sophia Schmid aber ist damals klar, dass sie ihr Baby selbst austragen wird. Sie will eine Schwangerschaft erleben, spüren, wie ein Kind in ihr heranwächst. Sie will gebären. Der Satz der Frauenärztin, sie brauche gar nicht zwangsläufig einen Partner, um Mutter zu werden, öffnet in ihrem Kopf eine Tür. Nicht nur einen Spalt breit, sondern in eine weite Zukunft hinein. Schmid beschliesst: Sie wird allein schwanger, ohne Mann.
Und dann, im April 2023, geht alles ganz schnell: Sie vereinbart die ersten Beratungstermine mit verschiedenen Kliniken in Spanien, trennt sich von ihrem Partner, zieht innerhalb einer Woche aus der gemeinsamen Wohnung aus. Zwei Freundinnen berichten ihr von einer Klinik auf Mallorca. Diese sucht jene Frauen, die ihre Eizellen zur Verfügung stellen, nach einem strengen und mehrstufigen Verfahren aus; wer Spenderin werden will, muss in Spanien residieren und sich einer ganzen Reihe von Tests unterziehen, von gynäkologischen, genetischen bis hin zu psychologischen. Nur, wenn alle Teste erfolgreich verlaufen, werden die Eizellen entnommen, direkt vor Ort.
Schmid entscheidet sich für die Klinik, und für eine Doppelspende: Ihr soll ein Embryo eingesetzt werden, den ein spanisches Labor mittels einer fremden Eizelle und fremdem Sperma zeugt. Schmid leiht sich das nötige Geld, rund 12 000 Franken. Die Eizellspende ist anonym, das spanische Gesetz schreibt es so vor. Der Reproduktionssektor in Spanien gilt als vorbildlich und gut reguliert: Jede Frau, die ihre Eizellen abgibt, muss registriert werden, Eizellen dürfen in Spanien zudem nur nicht-kommerziell verwendet werden, was bedeutet, dass Frauen lediglich eine Aufwandsentschädigung für die Hormonstimulation, den operativen Eingriff zur Entnahme der Eizellen und für diese selbst bekommen. Maximal 1300 Euro pro Charge.
Über die Spenderfrau weiss Sophia Schmid also nichts, über den Samenspender lediglich die Blutgruppe und sein Alter, 21. Schmid macht sich im April 2023 keine Gedanken um die fremde Eizelle. Es gehen ihr genug andere Fragen durch den Kopf: Wie kann ich später allein für mein Kind sorgen? Wie kann ich meinen Job mit meiner Rolle als Mutter vereinbaren? Wer kann mir im Alltag helfen? Wo werden mein Kind und ich wohnen?
Sophia Schmid´ Paket, das sie in der Klinik bucht, umfasst neben gesunden Embryonen drei Versuche einer künstlichen Befruchtung, eine Garantie auf eine Lebendgeburt und eine Geld-Zurück-Garantie, falls es zu einer Fehlgeburt kommt. Im Sommer 2023 sitzt sie im Flieger nach Mallorca. Zum vorgesehenen Befruchtungstermin nimmt sie eine Freundin mit. Die beiden Frauen machen sich neun schöne Tage. Sie schwimmen im Meer, geniessen die Sonne, essen gut. Am Abend vor dem Termin trinkt Sophia Schmid noch ein Glas Wein. Sie ist entspannt. Sie hat drei Versuche. Und sie glaubt an ihr Vorhaben.
Am letzten Tag auf der Insel, an einem Montagmorgen, wird ihr der erste Embryo in der Klinik mittels eines dünnen Schlauches in die Gebärmutter gesetzt. Die Prozedur geht schnell, nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Im Anschluss gehen Schmid und ihre Freundin zur Mani- und Pediküre, noch einmal ans Meer, noch einmal schön essen. Am anderen Tag fliegen sie zurück. Angst, dass es nicht klappen könnte, hat Schmid keine. Sie ist voller Zuversicht.
Und tatsächlich, zehn Tage später sagt die Hausärztin ihr am Telefon nach der Auswertung ihres Bluttests: schwanger! Gleich beim ersten Versuch hat es geklappt. Eine absolute Ausnahme. Die Erfolgsraten bei In-Vitro-Behandlungen (IVF) sind eher mässig bis schlecht: Nur jede vierte IVF-Behandlung weltweit mündet in einer Lebendgeburt, wie es bei Sophia Schmid der Fall sein wird. „Ich habe nur noch geweint vor Glück”, sagt sie heute.
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Die Reproduktionsmedizin vollbringt Wunder. Für Sophia Schmid und für sehr viele andere Menschen. Bei Erfolg kann sie einen der existienziellsten menschlichen Wünsche wahr werden lassen: den nach einem eigenen Kind. Und damit nach Familie, Lebenssinn, Zugehörigkeit. Seit vor fast fünfzig Jahren das erste IVF-Baby geboren wurde, sollen weltweit rund 13 bis 17 Millionen Kinder per künstlicher Befruchtung auf die Welt gekommen sein. Millionen Mal Tränen der Erleichterung nach der Geburt, Babyschreie, Kleinkindlachen, die ersten Schritte, Milchzähne, der erste Schultag, Teenie-Probleme, Tobsuchtsanfälle, Elternglück.
Ungewollte Kinderlosigkeit hingegen bedeutet für die Betroffenen oft ein langes Leid. Die Reproduktionsmedizin kann es lindern, so das Versprechen. Schmid wäre als alleinstehende 43-jährige Frau ohne reproduktionsmedizinische Hilfe wohl nicht mehr schwanger geworden. Dafür aber ein unglücklicher Mensch, ist sie überzeugt. „Wenn ich jetzt noch kinderlos wäre, hätte ich Depressionen”, sagt sie. Für Schmid war jene fremde Eizelle aus Spanien die letzte Hoffnung. Ihr grösstes Glück. Hat sie nicht jedes Recht darauf?
Schon heute erzählt Schmid ihrem Sohn, wie er entstanden ist. Obwohl er es noch nicht verstehen kann. Sie hat für ihn ein kleines Fotobuch gebastelt, das seine ganze Entstehungsgeschichte beinhaltet. Es liegt in Bens Zimmer neben dem Wickeltisch. Manchmal zeigt Schmid ihrem Sohn beim Wechseln der Windeln dann die bunten Fotos: Seine Mama am Morgen des Befruchtungstermins in der Klinik, ein schwarzes Krankenhaus-Leibchen am Körper, sie selbst strahlend und aufgeregt. Ben als fünf Tage alter Embryo im Ultraschall, kurz bevor er ihr eingesetzt wird. Schmid kurz nach dem Kaiserschnitt, den frisch geborenen Ben auf der Brust. Ben in der Babyschale auf dem Weg nach Hause. Ben mit seinem Gotti. Das kleine Buch quillt vor Liebe fast über.
Sophia Schmid hat eine Freundin, die ebenfalls mithilfe einer Klinik in Spanien schwanger wurde. Einmal echauffierte die Freundin sich ihr gegenüber ob all der Fragen, die andere ihr stellen, wann immer sie erzählt, auf welche Weise ihr Kind entstanden ist: „Warum sollen wir Frauen uns dafür rechtfertigen, wenn wir uns Hilfe holen?”, sagt die Freundin. „Die Leute haben doch gar keine Ahnung, welchen Weg wir schon zurückgelegt haben!” Schmid findet, sie hat recht.
Das ist die eine Seite der Reproduktionsmedizin. Es gibt aber auch noch eine andere. Sie wird viel seltener erzählt als jene der grossen Erfüllung. Es ist keine Erzählung, die Leid lindert. Sondern eine, die neues schafft.
Im Februar 2025 tickert sie als Meldung um die Welt, Medien von überall nehmen sie auf und verbreiten sie weiter: „Thailänderinnen von Eizellen-Farm in Georgien befreit.” Die Meldung liest sich wie ein Albtraum. So, als hätte Margaret Atwood, die Autorin von „The Handmaid’s Tale“, einen neuen Roman verfasst: Frauen aus Thailand sollen unter dem Versprechen, legal als Leihmutter Geld verdienen zu können, nach Georgien gelockt worden sein. Dort soll eine chinesische Bande sie zur Abgabe ihrer Eizellen gezwungen haben. Eine der Frauen soll es geschafft haben, nach Thailand zurückzukehren. In der Meldung trägt die Frau ein Pseudonym: „Ms Na“. Zuhause in Thailand soll sie sich an die Nichtregierungsorganisation The Pavena Hongsakul Foundation for Children and Women in Bangkok gewandt haben, die die Polizei informierte, die wiederum Interpol einschaltet haben soll, die wiederum drei weitere thailändische Frauen aus der “Eizellen-Farm” befreien konnte.
Schmid bekommt von dieser Meldung im Februar 2025 nichts mit. Sie weiss nichts von den Frauen aus Thailand. Ben ist noch kein Jahr alt, sie dafür alleinerziehend, was bedeutet: Sophia hat mehr als viel zu tun. Sie ist müde, aber glücklich. Manchmal, wenn sie Ben stillt, kann sie es immer noch nicht fassen. Dass er da ist. Ein kleiner Mensch aus Fleisch und Blut, ein Baby. Ihr Kind.
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Malee Boonmee aka Ms Na ist Anfang 30, als sie im August 2024 in Thailand in ein Flugzeug steigt. Sie stammt aus einer ländlichen Region in der Nähe Bangkoks. Boonmee ist noch nie verreist, geschweige denn per Flugzeug tausende Kilometer weit weg. Sie hat sechs, sieben Monate lang überlegt, ob sie es wagen und in Georgien als Leihmutter arbeiten soll. Aber das Geld lockt zu sehr. Und die thailändische Agentur, deren Werbung sie über einen Facebook-Post gesehen hatte, hat sie immer wieder angerufen, über Monate, und ihr versichert, Leihmutterschaft sei in Georgien legal und sie müsse sich keine Sorgen machen. Schliesslich sagt Malee Boonmee zu.
Niemanden erzählt sie, was sie in diesem fernen Land “arbeiten” wird. Ihren Eltern nicht, ihren beiden Söhnen, sieben und zehn, nicht, ihrem Ehemann nicht, von dem sie zu diesem Zeitpunkt getrennt lebt, die Söhne bei ihm. Nur sie allein weiss, was die Agentur ihr versprochen hat: Etwa 270 Franken für die Reise nach Georgien. 20.000 Baht, bis sie schwanger wird, circa 480 Franken. Und schliesslich 540 000 Baht, sobald sie als Leihmutter ein Baby auf die Welt bringt, etwa 13 000 Franken. Für Boonmee ist das sehr viel Geld; normalerweise verdient sie mit ihrem fahrbaren Imbiss rund 20 000 Baht im Monat, 500 Franken.
Boonmee ist aufgeregt vor ihrer Abreise. Aber sie hat den Gesundheitscheck bestanden, in Georgien wird sie einen Vertrag bekommen und während ihrer Schwangerschaft mit den Empfängereltern leben, so hat es ihr die Agentur zugesichert. Zum Zeitpunkt ihres Abflugs denkt Boonmee, sie hat eine sinnvolle, lukrative und sogar altruistische Entscheidung getroffen; durch sie kann eine andere Frau das bekommen, was sie sich am meisten wünscht, denkt sie: ein eigenes Baby.
Anderthalb Jahre später sagt die 33-Jährige, die vier Tage, die sie damals in Georgien verbracht hat, seien die schlimmste Erfahrung ihres Lebens gewesen.
Es ist Anfang Februar 2026, sie sitzt in einem kleinen, schmucklosen Büro, etwa eine Autostunde von Bangkok entfernt. In der thailändischen Hauptstadt sind es 35 Grad, in den Strassen riecht es nach Jasmin, Abfall und Abgasen, der Verkehr staut sich, morgens, mittags, abends, immer, die Menschen schwitzen, alles vibriert.
In dem kleinen Büro aber, in dem Malee Boonmee jetzt sitzt, drückt die Hitze weniger, die Atmosphäre ist friedlich. Hier, in den Räumen der Nichtregierungsorganisation Pavena, erzählt Boonmee ihre Geschichte. Im Interview wirkt sie gefasst und klar. Boonmee heisst eigentlich anders, aber ihren wirklichen Namen will sie lieber nicht veröffentlicht wissen. Er liegt der Redaktion vor. Auch den Namen der thailändischen Agentur, die sie nach Georgien gebracht hat, will sie nicht sagen. Boonmee hat immer noch Angst; die Agentur habe gedroht, wenn sie auch nur ein Wort erzählen oder zur Polizei gehen werde, würden sie ihr die Arme und Beine abhacken.
Schon im Flugzeug kommen Boonmee erste Zweifel. Mit ihr reisen zehn weitere thailändische Frauen nach Georgien. Als sie die thailändische Agentin fragt, warum, erklärt diese, die Nachfrage bei chinesischen Kundinnen nach Leihmüttern aus Asien sei hoch. Boonmee und die anderen brauchen fünf Tage, bis sie in Georgien ankommen. Sie landen zunächst in Dubai, fliegen weiter nach Armenien. Von dort reisen sie per Zug nach Georgien. In der Hauptstadt Tbilisi angekommen, ändert sich der Ton der Agentin plötzlich. Und eine Gruppe Chinesinnen und Chinesen taucht auf. Sie nehmen den Frauen ihre Pässe weg, bringen sie erst in ein Hotel, dann in ein Haus, in dem schon weitere Frauen aus Thailand leben. Etwa vierzig bis sechzig, schätzt Boonmee. Sie hört von anderen Frauen, dass es noch viel mehr Thailänderinnen in mindestens einem weiteren Haus geben soll, insgesamt etwa hundert. Eine Recherche der „New York Times“ im Dezember 2025 spricht von fünf Häusern.
Boonmee wird in ein anderes Haus verlegt. Schon in den ersten beiden Tagen nach der Ankunft stellt sich heraus, dass nichts von dem, was die Agentur ihr versprochen hat, stimmt. Boonmee sieht weder einen Vertrag noch irgendwelche Empfänger-Eltern. Keine der Frauen in ihrem Haus scheint schwanger zu sein. Stattdessen trifft Boonmee kurz nach ihrer Ankunft auf eine Frau aus ihrem Haus, die gerade von jener Untersuchung zurückkehrt, der sich alle Frauen unterziehen müssen. Sie habe die medizinischen Voraussetzungen nicht erfüllt, um Leihmutter werden zu können, erzählt die Frau weinend. Um das Geld zu begleichen, dass sie die Agentur schon gekostet hat, könne sie zweimal ihre Eizellen hergeben, hätte die Agentin ihr gesagt. Geld dafür erhält sie nicht. Danach dürfe sie zurück nach Thailand fliegen, so die Agentur.
Boonmee lernt von den anderen: Jede Frau hat drei Versuche, um als Leihmutter mittels künstlicher Befruchtung schwanger zu werden. Wenn sich auch nach dem dritten Versuch keine Schwangerschaft einstellt, sollen die Frauen ihre Eizellen abgeben, um anschliessend nach Hause fliegen zu dürfen. Für beides, Leihmutterschaft und Eizellabgabe, müssen sie sich einer hormonellen Stimulation unterziehen, um die Fruchtbarkeit ihres Körpers künstlich anzukurbeln.
Leihmutterschaft und Eizellspende sind in Georgien tatsächlich legal. Gleichzeitig wird der Sektor nicht streng überprüft; die Gesetzte gelten als schwach, die Fertilitätsindustrie in Georgien als unreguliert. Längst hat sich ein Graubereich gebildet, der die Ausbeutung von Frauen als Menschenmaterial fördert. Denn mit Eizellen lässt sich Geld verdienen – sehr viel Geld. Nicht nur in Georgien. Je nach Land, Gesetz und Nachfrage können die Preise für Eizellen extrem variieren. In Europa erlauben elf Länder so wie Spanien lediglich, dass den Spenderinnen Unkosten erstattet werden. In den USA aber beispielsweise sind die Preise für Eizellen nicht gedeckelt. Dort verkaufen Studentinnen ihre Eier, um sich das Studium zu finanzieren. Je nach Herkunft, Hautfarbe, Alter, Aussehen und Ausbildung kann eine Frau bis zu 250 000 Dollar oder noch mehr für eine Charge ihrer Eizellen bekommen.
Die Anthropologin Diane Tober von der University of Albama erforscht seit mehr als zehn Jahren den internationalen Handel mit Eizellen. Sie hat mit hunderten Spenderinnen vorwiegend aus den USA und Spanien Interviews geführt und ihre Ergebnisse 2024 in der weltweit umfangreichsten Studie veröffentlicht. „Der höchste Betrag, von dem ich im Rahmen meiner Studie gehört habe, lag bei 120 000 Dollar”, sagt sie, 108.000 Franken. „Bei weissen und asiatischen Spenderinnen liegt der Preis höher.” Ihr sei über die Jahre sogar ein Fall aus den USA zu Ohren gekommen, bei dem ein Milliardär einer Studentin eine Millionen Dollar für ihre Eizellen gezahlt haben soll, berichtet sie im Interview.
Der globale Markt ist so lukrativ, dass die Frauen aus Thailand kein Einzelfall sind. Immer wieder werden Skandale öffentlich:
2023: In Indien ergeben Ermittlungen, dass eine Gruppe von Mitarbeiter:innen einer der grössten Reproduktionskliniken des Landes systematisch minderjährige junge Frauen ausgebeutet und deren Eizellen verkauft hat.
2019: In Griechenland nimmt die dortige Polizei in Zusammenarbeit mit Europol eine organsierte kriminelle Gruppe hoch, die Frauen aus Bulgarien, Georgien und Rusland für ihre Eizellen bezahlt hat, um diese dann für ein Vielfaches weiterzuverkaufen. Zu der Gruppe gehören insgesamt 66 Personen, darunter ein Anwalt, ein Gynäkologe und Mitarbeiter:innen privater Kliniken.
2016: In Italien wird ein der bekannte Arzt Severino Antinori angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt, weil er einer Patientin ohne deren Wissen und gegen ihren Willen Eizellen entnommen und gestohlen hat.
Es existieren keine global einheitlichen Gesetze, die den Umgang und Handel mit Eizellen kontrollieren, noch nicht einmal innerhalb Europas. Der Markt passt sich an politische Entwicklungen wie Kriege und Krisen sowie an die Wünsche der Kund:innen an; vor dem Krieg in der Ukraine etwa galt das Land als Paradies für Kundinnen aus dem Ausland, die per Leihmutterschaft ein Kind bekommen wollten
Nur eine Sache gilt global: Je mehr Eizellen jede einzelne Spenderin produziert, desto mehr können private Fruchtbarkeitskliniken verkaufen – und verdienen, sofern der Markt nicht reguliert wird. Die Produzentinnen spielen dabei nur eine Nebenrolle.
Es ist genau jener rechtliche Graubereich, in dem Malee Boonmee und die anderen thailändischen Frauen sich Anfang September 2024 wiederfinden. Sie sitzen fest in einer denkbar schlechten Situation: Die chinesische Gruppe hält ihre Pässe zurück, manche der Frauen sind seit Monaten in Georgien, einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen. Sie sind noch nicht schwanger geworden, aber brauchen Geld. Und so lassen sich manche auf den Deal ein: Eizellen gegen Geld. Oder gegen Pass. Boonmee begegnet in ihrem Haus einer anderen Thailänderin, die ihr erzählt, sie habe schon mehrmals ihre Eizellen verkauft, für 30 000 Baht pro Zyklus – jeweils 720 Franken. Mittlerweile sei sie zur Agentin aufgestiegen, erzählt die Frau ihr, werbe weitere Frauen aus Thailand an.
Die eigenen Eizellen herzugeben ist allerdings kein Spaziergang, im Gegenteil: Eine medikamentöse Fruchtbarkeitsbehandlung mittels Hormone ist ein physisch und mental fordernder Akt. Eine Frau, die künstlich möglichst viele Eizellen produzieren will oder soll, muss etwa neun bis 14 Tage verschiedene Medikamente einnehmen, die meisten als Spritze. Mögliche Nebenwirkungen: Kopfweh, Schmerzen an der Einstichstelle, Übelkeit, Hitzewallungen, Hautausschläge und Stimmungsschwankungen. Wenn es zur Überstimulation durch die Hormonbehandlung kommt, kann es in seltenen Fällen gefährlich werden: Beim Ovariellen Hyperstimulationssyndrom (OHSS) kann es zu einem Hirnschlag, Atemnot, Thrombose, Nierenversagen, inneren Blutungen und akuter Lebensgefahr kommen. „Ich habe fünf oder sechs Spenderinnen in meiner Studie, die fast an OHSS gestorben wären”, sagt Diane Tober.
Auch Boonmee und die anderen Frauen aus ihrem Haus sollen Medikamente nehmen. Jeden Tag bekommen sie Tabletten, müssen mit ihren Handys Videos machen, wie sie sie schlucken, berichtet Boonmee. Welche Nebenwirkungen die Medikamente haben können: Niemand klärt die Frauen auf, sagt Boonmee gegenüber annabelle. Auch welchem Zweck sie dienen und welche Wirkstoffe die Tabletten enthalten: Niemand sagt es den Frauen. Boonmee weiss es bis heute nicht, erzählt sie.
Boonmee weigert sich, die Tabletten zu nehmen. Mit jedem Tag wächst ihre Angst. Nachts liegt sie wach, fragt sich, ob sie ihre Söhne jemals wiedersehen wird. Es geht ihr schlecht. Sie erkältet sich, bekommt Fieber. Schliesslich fordert sie ihren Pass zurück, sagt, dass sie sich betrogen fühle und nach Hause wolle, sofort. Die Chines:innen weigern sich, ihr den Pass auszuhändigen. Als einer der Männer versucht, ihr ihr Handy abzunehmen, droht sie in ihrer Verzweiflung, aus einem Fenster zu springen.
Schliesslich sagen die Chines:innen, sie müsse 70 000 Baht bezahlen, um ihren Pass zurückzubekommen, rund 1700 Franken. Wenn sie das Geld nicht aufbringen könne, schlagen sie vor, könne sie ihre Eizellen abgeben. Boonmee kontaktiert heimlich die Pavena Foundation für Children and Women in Thailand. Dort ist die Nichtregierungsorganisation vielen Menschen bekannt, da sie sich seit fast dreissig Jahren für Frauen und Kinder einsetzt. Boonmee kontaktiert auch ihren Mann zuhause. Er kratzt das Geld aus Erspartem zusammen. Am Morgen des 9. September 2024 überweist Boonmee das Geld, am Nachmittag sitzt sie im Flieger nach Hause. Man wolle nicht noch mehr Geld mit ihr verschwenden, sagt eine der thailändischen Agentinnen zu ihr.
Ihre drei Zimmer-Mitbewohnerinnen in Georgien bitten sie vor ihrer Abreise noch, einen Weg zu finden, Pässe für sie zu besorgen. Oder zur Polizei zu gehen. Als Beweis für die Machenschaften der chinesischen Gruppe und der thailändischen Agentur schicken sie Boonmee nach deren Abreise Screenshots von Chatverläufen, die zeigen, wie den Frauen nahegelegt wird, ihre Eizellen herzugeben.
Nachdem Boonmee zurück in Thailand sitzt, übermittelt Pavena ihren Fall den thailändischen Behörden, die bald von Menschenhandel sprechen. Auch die Rechtswissenschaftler:innen Nida Syahla Hanifah und Muhammad Rizki Yudha Prawira von der Pembangunan Nasional Veteran Universität Jakarta, die sich juristisch mit der Situation der thailändischen Frauen auseinandergesetzt haben, sehen Kriterien von Menschenhandel erfüllt. „Die Frauen haben falsche Informationen bekommen und nicht ihren vollen Consent gegeben“, sagt Hanifah, „ausserdem haben andere Profit mit Körpermaterial von ihnen gemacht. Sie wurden ausgebeutet. Deswegen sprechen wir klar von Menschenhandel.“
Nachdem Pavena die thailändische Polizei informiert hat, setzt diese sich mit Interpol in Verbindung. An einem Tag im Januar 2025 durchsucht Interpol jenes Haus in Tbilisi, in dem Boonmee untergebracht war. Drei Frauen können anschliessend nach Hause reisen.
Die anderen bleiben. Viele der thailändischen Frauen vor Ort berichten Interpol, sie seien freiwillig im Land. Für manche mag das stimmen; nicht alle müssen ihre Pässe abgeben. Vielleicht stimmt es aber auch nicht – Boonmee weiss, dass der Begriff “Freiwilligkeit” im Reproduktionsgeschäft eine Sache der Interpretation ist. Weil es in einem Raum, der zwar legal sein mag, in dem Ethik, Consent und die Rechte der Patientinnen aber keine Rolle spielen, dafür allerdings ungleiche Machtverhältnisse sowie Angst herrschen, keine Freiwilligkeit gibt.
Das belegt auch die Studie von Diane Tober. Sogar die meisten der Frauen aus den USA, mit denen sie gesprochen hat, gaben zu Protokoll, sie hätten ihre Eizellen nicht hergegeben, wenn sie das Geld dafür nicht gebraucht hätten. Viele von Tobers Probandinnen haben mit lebenslangen gesundheitlichen Folgen zu kämpfen, die durch die Hormonbehandlung entstanden sind, schreibt sie.
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So wie Nam Sukhum. Sie ist die letzte von insgesamt acht thailändischen Frauen, die sich seit September 2024 bei Pavena gemeldet haben und die nach Georgien reisten, um dort als Leihmutter zu arbeiten. Als annabelle sie im Februar 2026 in den Räumen der Pavena-Foundation interviewt, kann Nam Sukhum nicht allein aus dem Taxi aussteigen, das sie und ihren Mann aus Bangkok hergebracht hat. Mehrere Mitarbeiter der NGO hieven sie vorsichtig auf eine blaue Liege, tragen sie die wenigen Stufen über die Terrasse hinein und setzen sie sachte in einen Rollstuhl. Sukhum kann seit ihrem zweiten Aufenthalt in Georgien 2025 nur noch ihre rechte Körperhälfte bewegen, die linke ist gelähmt. Ihr Haar trägt Sukhum sehr kurz, an der rechten Seite sind sie abrasiert, dort prangt über dem Ohr ein grosses, dickes Pflaster über einer Wunde. Nam Sukhum bekommt leicht Entzündungen. So wie die halbseitige Lähmung hat sie auch diese Anfälligkeit von Georgien mit nach Hause gebracht.
Nam Sukhum ist klein, fast kindlich, aus sorgenvollen Augen blickt sie einen an. Sie wirkt eingeschüchtert. Es geht ihr nicht gut. Sie leidet unter starken Kopfschmerzen. Ihr Mann packt irgendwann eine Plastiktüte voll mit Medikamenten aus und legt sie auf den Tisch. Die meiste Zeit sitzt er still neben seiner Frau, blickt zu Boden, hält ihre Hand. Manchmal massiert er ihr den tauben linken Arm oder den unteren Rücken.
Er wollte nicht, dass sie nach Georgien geht, schon beim ersten Mal 2024 nicht, erzählt er. Aber der Job sei okay gewesen, versicherte seine Frau, als sie zurück war. Und die 430 000 Baht – rund 10 350 Franken – für eine Lebendgeburt waren zu verlockend, um es nicht nochmals zu probieren. Normalerweise arbeitete Ms Ling in einem Supermarkt, verdiente 10 000 Baht im Monat, rund 250 Franken. Zwar hatte die Agentur, mit der sie 2024 zum ersten Mal nach Georgien reiste, ihr bei der Ankunft in Tiflis den Pass abgenommen, aber sie kümmerten sich um sie, sagt Skuhum. Sie unterschrieb einen Vertrag, bekam Hormone, dreimal setzte man ihr ein Embryo ein. Es funktionierte nicht, sie wurde nicht schwanger. Danach schickte die Agentur sie wieder zurück. Sie bekam kein Geld für ihren Aufenthalt in Georgien, aber hatte auch keine Probleme.
Der Job war okay, das sagt Sukhum auch heute noch. Sonst hätte sie 2025 nicht nochmals versucht, in Georgien Leihmutter zu werden. Diesmal reist sie mit einer anderen Agentur als beim ersten Mal. Niemand nimmt ihr den Pass ab. Sie besteht die medizinische Untersuchung vor Ort in Tbilisi nicht, wechselt die Agentur. Diese beginnt die Hormonstimulation. Zweimal am Tag muss Sukhum sich von nun anspritzen, ihr Bauch fühlt sich heiss und kalt an, sie ist benommen. Zusätzlich bekommt sie Tabletten. Wofür oder was sie genau bewirken: Ms Ling weiss es nicht. Eine Frau, die versucht, mittels in-vitro-Behandlung schwanger zu werden, muss in der Regel Östrogen und Progesteron einnehmen. Wieder setzt man ihr nach einiger Zeit einen Embryo ein, es klappt nicht. Dann den zweiten, es klappt auch diesmal nicht. Beim dritten Versuch am 8. September 2025 schliesslich nistet sich der Embryo ein. Zehn Tage später zeigt der Bluttest, dass sie schwanger ist.
Und dann kommt der 27. September 2025. Sukhum wird ihn nie mehr vergessen.
In den frühen Morgenstunden, gegen drei Uhr, wird sie wach, weil sie auf die Toilette musss. Doch sie kann nicht aufstehen, die linke Seite ihres Körpers fühlt sich taub an, sie kann sie nicht mehr bewegen. Weil sie niemanden stören und aufwecken will, bleibt sie liegen und verhält sich still. Sie versucht, sich zu beruhigen. Ms Ling wartet bis acht Uhr, trotz der Schmerzen im Bauch. Dann ruft sie den “Manager” des Hauses an. Er lässt sie ins Krankenhaus bringen. Die dortigen Tests zeigen: Sie hat einen Hirnschlag erlitten. Man gibt ihr Tabletten, um eine künstliche Abtreibung einzuleiten. So berichtet Ms Ling es gegenüber annabelle. Der Manager spricht Englisch mit dem Krankenhaus-Personal. Ms Ling versteht kein Englisch. Aber als die ersten Krämpfe einsetzen und sie zu bluten beginnt, versteht sie, was passiert.
Was wirklich im Krankenhaus geschehen ist, also ob Sukhum ohne ihr Wissen eine medikamentöse Abtreibung aufgezwungen wurde, könnte nur die georgische Pineo-Klinik beantworten, die sie behandelt hat. Auf Anfrage von annabelle beruft diese sich allerdings auf die ärztliche Schweigepflicht. Was sich sagen lässt: Hormonelle Behandlungen mit dem Ziel einer in-vitro-Schwangerschaft erhöhen die Anfälligkeit für einen Schlaganfall. Gleichzeitig bedeutet ein Hirnschlag nicht, dass die Schwangerschaft zwingend beendet werden muss, um das Leben der Mutter zu schützen. Der Fötus kann aber abgehen, weil zur Behandlung des Hirnschlags blutverdünnende Medikamente gegeben werden. Auch dieses Szenario könnte bei Sukhum der Fall gewesen sein. Sicher wissen lässt sich das nicht – über den Zweck der Medikamente, die sie in der Klinik bekommen hat, sei sie nicht aufgeklärt worden, sagt sie.
Was der Manager ihr in der Klinik erklärt: Sie müsse die Kosten für den Krankenhausaufenthalt selbst zahlen. Genauso wie den Rückflug und eine medizinische Fachperson, die sie auf dem Flug zurück nach Bangkok begleitet. Nam Skuhum bleibt rund einen Monat im Krankenhaus. Die Agentur lässt sie einen Vertrag unterschreiben, der sie von jeglicher Verantwortung freispricht und belegt, dass sie sich das nötige Geld von der thailändischen Botschaft in Ankara geliehen hat, da Thailand keine konsularische Vertretung in Georgien hat. 500 000 Baht, rund 12 000 Franken. Die Schulden muss sie innerhalb von zwei Jahren an die Botschaft zurückzahlen. Ihr Mann und sie haben keine Ahnung, wo sie das Geld hernehmen sollen.
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Heute ist Nam Sukhum mit 34 Jahren ein Pflegefall. Durch die linksseitige Lähmung kann sie nicht arbeiten. Sie braucht Hilfe bei fast allem. Manchmal hilft ihr ihr zehnjähriger Sohn, aber wenn sie auf Toilette, sich waschen oder duschen muss, hilft ihr ihr Mann.
Malee Boonmee versucht, Georgien hinter sich zu lassen. Gesundheitlich geht es ihr gut. Ihr Mann und sie leben momentan wieder zusammen. Sie spart Geld, um ein kleines Restaurant eröffnen zu können. Dass sie damals für einen vermeintlichen Job als Leihmutter nach Georgien ging, hat sie noch immer niemandem aus ihrem privaten Kreis erzählt. Boonmee hat Angst, was ihre Eltern oder ihre Kinder über sie denken könnten, wenn sie es wüssten. Die Scham lastet auf ihr. Sie gibt sich die Schuld für das, was passiert ist. Für ihre Gier, wie sie sagt.
Wer trägt am Ende die Verantwortung für ihr Leid, das von Nam Sukhum und all den anderen Frauen, von denen niemand weiss, wie viele es wirklich sind?
Frauen wie Sophia Schmid nicht, sagt Boonmee. Wenn eine Frau sich sehnlichst ein Kind wünsche, aber auf natürlichem Wege nicht schwanger werden könne und alles dafür tue, um es doch zu werden, sei das in Ordnung. Sie könne es verstehen. Doch hätte sie gewusst, was sie wirklich in Georgien erwartet, Boonmee wäre nicht ins Flugzeug gestiegen, sagt sie. Niemals.
Sophia Schmid in Luzern ist bestürzt, wenn man ihr von den Frauen aus Thailand erzählt. Es entsetze sie, wenn sie solche Geschichten höre, sagt sie, während sie Ben im Arm hält und stillt. Liebevoll blickt sie ihn an. Schmid würde auch noch ein zweites Kind per Eizellspende in Spanien bekommen, „auf jeden Fall”, sagt sie. Aber nur mit einem Partner an ihrer Seite; zwei kleine Kinder allein grosszuziehen, kann sie sich nicht vorstellen.
Aber sie sagt auch: „Ich habe noch so viel Liebe zu geben.” Muttersein sei für sie die schönste Aufgabe im Leben.
*Alle Namen wurden im Text geändert.